Light Sleeper - Late Night Writings On Cinema
       
Katastrophe als Therapie
Der Katastrophenfilm der 70er Jahre und die amerikanische Befindlichkeit
Von Oliver Baumgarten

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This essay first appeared in: Oliver Baumgarten (Edt.): Filmkalender 2005. Marburg (Germany) 2004.
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Oliver Baumgarten is co-founder and editor-in-chief of Schnitt, an independent German film magazine (www.schnitt.de). He is the artistic director of the Cologne-based film festival and editor's forum FILM+ and publishes on film topics in different German newspapers.
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Genre der Destruktion

Betrachtet man die Filmgeschichte hinsichtlich des Aufkommens unterschiedlicher Genres, so ist leicht festzustellen, dass nicht jedes Genre durchgehend häufig umgesetzt wurde. In der Geschichte jeder Gattung finden sich Phasen, in der ihre Umsetzung kulminiert, in der dieses Genre modern gewesen zu sein scheint, in der das Publikum in Scharen dessen Filme frequentiert und in der die Filmindustrie nicht müde wird, immer neue und attraktivere Variationen zu produzieren, um die hohe Nachfrage zu befriedigen.

Der Katastrophenfilm gehört zu dieser Art Genre. Er entstand aus einer Mischung unterschiedlicher Subgattungen und erhielt seine eigenständige Definition überhaupt erst in den 70er Jahren. Aspekte seiner Spezifikation fanden sich in so unterschiedlichen Formen wie der klassischen Science-Fiction (und Subgenres wie dem Invasionsfilm und Doomsday-Film der 50er Jahre), dem Kriegsfilm, wie er in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg zur Blüte geriet, den japanischen Monsterfilmen und natürlich den Monumentalklassikern aus Amerika (etwa THE LAST DAYS OF POMPEII oder THE FALL OF THE ROMAN EMPIRE), aber ganz speziell auch aus Italien, wo von Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre der Sandalenfilm biblische Motive mit antiken Mythen versetzte. In all diesen Genres rückte immer wieder der Aspekt der Katastrophe in den Vordergrund. Seltener allerdings war allein die Katastrophe Motor der Handlung -- oder um es anders zu formulieren: Sie war selten der eigentliche "Star" des Films, der, nach dem sich alles ausrichtet. Die Katastrophe bildete zumeist einen Höhepunkt der Handlung, der sich dann oft auf den Schauwert der filmischen Umsetzung beschränkte. So steht etwa in der Science Fiction die "Ästhetik der Destruktion" (Susan Sontag) im Mittelpunkt, verbunden mit einer skeptischen oder heroisierenden Betrachtung der Technik.

Diese spezielle Ästhetik spielt im Katastrophenfilm der 70er Jahre sicherlich eine gleich große Rolle wie es die Zerstörungsphantasien in all den anderen oben genannten Gattungen taten. Der entscheidende Unterschied zum Katastrophenfilm, wie er in den 70ern entwickelt wurde, besteht vielmehr darin, dass der Katastrophe eine derart zentrale Rolle zugewiesen wird, dass nur sie Figurenkonstellationen und Charaktere in der Handlung beeinflusst. Die eigentliche Katastrophe ist spätestens zur Mitte des Films beendet -- der Umgang mit ihr wird zur entscheidenden Bedeutung. Im sozialen Gefüge der Überlebenden setzt sich schlagartig ein extremer moralischer Kodex durch. In den Katastrophenfilmen der 70er werden immer wieder Themen wie Schuld und Verantwortung derart stringent durchgespielt, dass sich klarste Muster in den immer gleichen Charakteren erkennen lassen. Wer es "verdient", die Katastrophe zu überleben, ist keine Frage von Schicksal, sondern einzig eine Frage von Verantwortungsgefühl und Schuldbekenntnis.

"In der Trivialliteratur und ihren medial aufbereiteten Horrorszenarien ohne philosophisch-reflexiven Tiefgang (Video, Film, elektronische Spiele) wird tendenziell der Weltuntergang als bildlich opulentes und mit Spezialeffekten à la Hollywood getuntes Desaster in Szene gesetzt". Vielleicht mag man den hier von Ernst Halter und Martin Müller beklagten philosophischen Tiefgang im Katastrophenfilm der 70er vermissen, ob der gerade beschriebenen, sich geradezu automatisiert wiederholenden Grundmuster jedoch erscheint ein psychologisch-reflexiver Tiefgang in jener Welle als geradezu evident.

Reicht der Faktor Zufall als Erklärungsmuster für das massive Aufkommen des Katastrophenfilms in den USA der 70er Jahre aus? Wohl kaum: Dass etwa der japanische Monsterfilm einen Reflex auf die traumatischen Ereignisse Hiroshimas und Nagasakis darstellt und somit die Schaffung Godzillas nicht alleiniges Marktkalkül war, ist als Theorie (u.a. von Susan Sontag) längst anerkannt.



Die Katastrophe als Napf der Menschheit

Die Katastrophe gehört zu einem Kanon der ältesten Themen der Kunst, was kaum Wunder nimmt, bedenkt man, dass sich die gesamte christliche Welt aufbaut auf der Erwartung der einen großen Katastrophe, der Apokalypse, die in der Offenbarung des Johannes seit über 2000 Jahren den Fortgang der Menschheit zu bestimmen scheint. Obwohl "Apokalypse" wörtlich übersetzt "Enthüllung der Wahrheit" bedeutet, beschreibt sie Johannes als ein furchtbares Chaos, einen Untergang der Welt, blutig und konsequent, und zahllose bildende Künstler von Bosch bis Brueghel stanzten diese Vorstellung in das Bewußtsein der Menschen. Die christliche Menschheitsgeschichte, wie sie die Bibel vorgibt, stellt sich als zyklisch dar. Anfang und Ende sind beide chaotischer Natur. Das aus dem Chaos der Schöpfung erwachsene Leben endet im Chaos der Apokalypse, aus der erneutes Leben hervorgehen wird. Und das Alte Testament bietet zwischen diesen beiden Polen weitere Katastrophen wie die sieben Plagen, die Sintflut oder der Untergang Babylons, ausgelöst vom Zorn Gottes über die Verfehlungen des lasterhaften Menschen, so dass noch "dem mittelalterlichen Menschen [...] Katastrophen als Werk Gottes" (Wolf R. Dombrowsky) galten. Wie Bestrafungen erscheinen all diese Katastrophen, wie Erziehungsmaßnahmen beruhend auf dem Katharsis-Prinzip.

In der Neuzeit änderte sich dieses Bild zunehmend. Das Erdbeben von Lissabon 1755 "bot ausreichend Belege dafür, dass die Schwere des Ereignisses weit mehr mit organisatorischen Mängeln, politischem Versagen, situativen Fehlentscheidungen, menschlicher Siedlungspolitik und der materiellen Bauweise zu tun hatte als mit Glauben oder Sünde der Bewohner", wie Dombrowsky feststellt. In seiner wissenschaftlichen Abhandlung zu diesem Erdbeben begibt sich Immanuel Kant dennoch auf höchst christliches Terrain, wenn er in einem Kapitel "Von dem Nutzen der Erdbeben" schreibt. Als Strafe Gottes sieht Kant die Katastrophe nicht, vielmehr als ein Zeichen des Ungleichgewichts zwischen Natur und Mensch, welcher nicht verstehen wolle, dass er sich anzupassen habe. Der Mensch also beeinflusst das Ausmaß von Katastrophen, sofern er nicht gar ihr Verursacher ist. 1756 von Kant formuliert, gewann diese moralische Dimension von Eigenverantwortung bis heute mit jedem Jahrzehnt an Bedeutung. Wird dem christlichen Menschen von Anbeginn das Bewusstsein über die Katastrophe mit dem Taufwasser beigefügt, so gesellt sich in den letzten Jahrhunderten zunehmend ein Bewußtsein über Schuld und Verantwortlichkeit hinzu -- sofern dieses nicht verdrängt wird. Zudem hat sich das Chaos verankert als eine Größe, die Neues, vor allem auch Besseres hervorzubringen vermag, auch wenn sein Gesicht in Form der Katastrophe extrem hässlich sein kann.

"Wir leben in einer Zeit, wo des Menschen Schicksal der Mensch ist", fasst Bertolt Brecht diese Gedanken 1934 zusammen. Im Katastrophenfilm der 70er Jahre tritt -- quasi als Verlängerung des Brecht’schen Wortes -- die eigentliche Bedeutung des Begriffs "Katastrophe" zu Tage: Es bedeutet Umkehr, Wendung, also die Chance zum Neuanfang.



Der Held, selbstlos und unschuldig

Wieso aber sollte dem amerikanischen Publikum in den 70ern diese Umkehr, diese Chance zum Neuanfang vor Augen geführt werden, und wohin sollte sich die Umkehr richten? Teilantworten auf diese Fragen finden sich, wenn man die Typologie von Figuren im Katastrophenfilm betrachtet -- Figuren, die sehr klar auf Grundlage moralischer Kategorien voneinander abgegrenzt erscheinen. Nimmt man den Helden eines 70er Jahre Katastrophenfilms, so unterscheidet sich dieser vom von der antiken Heldensage geprägten Bild grundlegend. Dort ist der Held ein Krieger, dessen Schicksal es ist, Held zu sein. Er wurde dafür auserkoren. Seine Taten sind motiviert durch eine idealistische Weltbetrachtung, strengem Nationalbewusstsein, Kriegerehre, Treue und Loyalität. Der Protagonist im Katastrophenfilm hingegen ist von Natur aus kein Held, ihn zeichnet aus, dass er sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Er ist ein sympathischer Durchschnittsmensch, aber ihm fehlt das heldische Bewusstsein.

Paul Newmans Figur beispielsweise in THE TOWERING INFERNO (1974) oder Charlton Heston in EARTHQUAKE (1974): Beide treibt der erlebte Schock der Katastrophe zu großer Verantwortung. Paul Newman spielt den Architekten des Hochhauses, der bei feuerpolizeilichen Präventivmaßnahmen vom Bauherrn übergangen wurde. Er handelte in bester Absicht und wurde betrogen. Solchermaßen schuldlos entwickelt er sich dennoch zum aktivsten Helfer bei der Brandbekämpfung und der Errettung der Menschen. "Was hier zählt, ist vor allem die Verpflichtung der Stärkeren gegenüber den Schwächeren in der Gewissheit des persönlichen Untergangs. Der Egoismus des Einzelnen und der Kampf jeder gegen jeden ist suspendiert", schreibt Jürgen Grimm über die Situation auf der "Titanic", formuliert damit aber die allgemeingültige Regel, wie ein positiv konnotierter Held sich im Katastrophenfilm zu verhalten hat, wenn er überleben möchte. Erhaben sollte er sein und das durchaus im Sinne Schillers: "Erhaben nennen wir ein Objekt, bei dessen Vorstellung unsre sinnliche Natur ihre Schranken, unsre vernünftige Natur aber ihre Überlegenheit, ihre Freiheit von Schranken fühlt; gegen das wir also physisch den kürzeren ziehen, über welches wir uns aber moralisch d.i. durch Ideen erheben." Der Held des Katastrophenfilms hat sich genau danach zu verhalten: Im Erleben von Angst und Schmerz zieht er Kraft aus spontaner Hilfeleistung und übernimmt Verantwortung, obwohl er nicht verantwortlich, also nicht schuldig, ist. Die Tat ist ihm eine Selbstverständlichkeit, was aus ihm ein gesellschaftliches, moralisches Vorbild macht. Jeder Verstoß gegen dieses moralische Gebot der Menschlichkeit wird vom Drehbuchautor hart geahndet. Ein Beispiel aus THE TOWERING INFERNO: Der junge Bauherr, der, um Geld zu sparen, das falsche Material einsetzen läßt, empfindet keinerlei Schuldbewusstsein, und bei den Rettungsmaßnahmen hält er es nicht für nötig zu helfen. Das bedeutet im Genrezusammenhang zwangsläufig einen kläglichen Tod für ihn, und so stürzt der Überhebliche -- dem Ikarus gleich -- aus dem 135. Stockwerk des brennenden Hochhauses. Erscheint sein Tod, legt man den Moralmaßstab zugrunde, noch als naheliegend, so geht die Konsequenz des Konzeptes erheblich weiter. Auch eine Figur wie der von Robert Wagner gespielte Angestellte, der mit seiner Sekretärin auf der brennenden Etage eine sehr private Verabredung pflegt, muss sterben. Er ist verheiratet und beweist durch seinen Fehltritt Unmoral. Nur vollständig tugendhafte Figuren dienen der Identifikation. Diese Konsequenz der 70er Jahre Welle im Umgang mit den Figuren führt zur zweifelsfreien und unverhohlenen Botschaft für den Zuschauer: Unmoral, Korruption und Lasterhaftigkeit bringen eine Gemeinschaft in lebensbedrohliche Schwierigkeiten. Die Identifikationsfiguren appellieren an die Grundtugenden sozialen Zusammenlebens und zelebrieren den braven Bürger, der über sich hinaus wächst. Eine solch konzentrierte Bündelung transportierter Werte ist selbst im Hollywood-Mainstream der 50er und 60er Jahre recht ungewöhnlich. Somit drängt sich die Frage auf, wieso ausgerechnet mit zwei 1974 produzierten und extrem publikumswirksamen Filmen diese Wertebetonung im US-amerikanischen Kino einsetzt und sich im Verlauf der 70er fortsetzt?



Die nationale Katastrophe Watergate

Der amerikanische Katastrophenfilm der 70er Jahre spiegelt eine soziale und politische Unsicherheit in den USA wider. 1974 stürzt Präsident Richard Nixon über den "Watergate"-Skandal und begeht damit als das höchste nationale Vorbild die größte moralische Verfehlung. Der Katastrophenfilm richtet sich an einen inneren Zusammenhalt. Der Held kämpft nicht nur selbstlos für seinen Nächsten, sondern beseitigt damit auch moralische Verfehlungen der Katastrophenverursacher, nämlich indem er diese Verfehlungen überwindet und reinen Gewissens aus der Katastrophe hervortritt. Somit stellt sich das plötzliche Auftreten dieses Genres als direkte, wenn auch unbewusste Reaktion auf den Skandal "Watergate" dar und reflektiert die Empfindungen eines empörten Publikums und einer enttäuschten Filmindustrie.

Die Verbindung zwischen nationaler Befindlichkeit und nationalem Filmschaffen setzt Siegfried Kracauer 1947 in seiner Untersuchung "Von Caligari zu Hitler" erstmals ein, um das Kino der Weimarer Republik zu analysieren. Kracauers Methode zur Filmanalyse fußt ausschließlich auf Kollektivdispositionen, die sich innerhalb einer Nation in einem gewissen Stadium ihrer Entwicklung unbewusst durchsetzen, die "in Fällen extremer politischer Veränderung" noch an Bedeutung gewinnen und die sich dann in bestimmten bildlichen und erzählerischen Motiven manifestieren. Eine große Popularität und eine "beharrliche Vorherrschaft dieser Motive kennzeichnet sie als äußere Projektionen innerer Bedürfnisse."

Die Popularität der Katastrophenfilm-Motive liegt auf der Hand. Die beiden im Jahr der endgültigen Aufdeckung des Watergate-Skandals produzierten Filme THE TOWERING INFERNO und EARTHQUAKE bildeten nicht nur den Auftakt der Welle, sondern sorgten gleichsam auch finanziell für ihren Höhepunkt, da sie 1975 im Kino am erfolgreichsten abschnitten. THE TOWERING INFERNO beispielsweise spielte in den USA 116 Mio. Dollar ein. Betrachtet man sich das Einspielergebnis des im selben Jahr gestarteten und mehrfach Oscar prämierten THE GODFATHER: PART II von 57,3 Mio. Dollar, so wird deutlich, in welchem Maße der moralisierende Katastrophenfilm vom amerikanischen Publikum angenommen wurde.

Einen dem Kracauer‘schen ähnlichen Ansatz wählte der Psychologe J. E. Mack, der als Ergebnis das große Interesse am Katastrophenfilm auf den unbewußten Wunsch des US-amerikanischen Publikums zurückführt, den Terror der Nuklearbedrohung aus den beiden vergangenen Jahrzehnten nun auf wesentlich überschaubarere Katastrophenszenarien zu verlegen. Als weiteren Ansatz diente Mick Broderick der verlorene Vietnam-Krieg, der sich unbewusst in den Katastrophen der Filme spiegele. Weitaus naheliegender und schlüssiger allerdings läßt sich der Katastrophenfilm der 70er Jahre wie oben beschrieben als Reaktion auf Watergate analysieren. Sicherlich spielt auch das Vietnam-Trauma eine Rolle, doch gilt es zu bedenken, dass das Katastrophenfilmgenre sich immer an einen inneren Zustand richtet. Es ist ein Genre der "Internal Affairs", das heißt, es lebt davon, dass der Fokus der Erzählung und der Darstellung auf einer klar definierten Gruppe von einzelnen Menschen ruht, auf einer Art sozialem Mikrokosmos der Vereinigten Staaten. In den Filmen wird immer wieder vermeintlich korrektes soziales Miteinander durchexerziert. Bevor sich tugendhaftes Verhalten nicht durchgesetzt und das Funktionieren einer Gruppe dergestalt nicht bewiesen hat, wird Rettung von außen, die dann lediglich noch reine Formsache ist, nicht eintreffen. Aus dieser ewig gleichen Konstellation spricht zweifellos der kollektive Wunsch nach der Wiederherstellung moralischer Grundlagen, nach dem Wiedererlangen Jahrhunderte alter amerikanischer Tugenden und Werte, die im Zuge der unfassbaren und infamen Vorkommnisse um den Watergate-Skandal auf der nationalen Führungsebene abhanden schienen. Wer Schuld auf sich geladen hat, muss die Verantwortung dafür übernehmen, sonst wird ihm das Recht auf eine Führungsposition entzogen (im Film bedeutet dies den Tod). Und im Moment einer so entstandenen Krise ist der aufrechte Amerikaner gefragt, gesellschaftliche Verantwortung zu tragen, erhaben zu sein und mit seiner Stärke die schwächeren auf den rechten Weg zu bringen.

Der an dieser Stelle extrem formulierte Sozialpathos bietet den Schlüssel dazu, Watergate als den Ursprung der dem Katastrophenfilm zugrundeliegenden Kollektivdisposition auszumachen. Zweifellos hat der Vietnam-Konflikt schmerzende Wunden hinterlassen, doch wecken diese nicht das Verlangen nach Wiederherstellung moralischer Werte, denn jene Werte gingen in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit nicht in Vietnam verloren. Die Moral verriet das Vorbild Richard Nixon, erster Bürger des Staates, als er 1972 dem Komplott zur Ausschaltung des politischen Gegners während der Präsidentschaftswahl zustimmte. Und der Katastrophenfilm, um eine Anleihe an Jürgen Grimms Interpretation des "Titanic"-Mythos" zu vollziehen, beschwört den moralischen Sieg, der "ganz offensichtlich dem Ausgleich einer [...] Niederlage" dient.

Abgesehen davon, wie der Psychologe Dieter Sträuli einen psychologischen Nutzen in das Genre liest, nämlich dass "apokalyptische Phantasien [...] unsere Psyche in schwierigen Zeiten entlasten und uns Hoffnung machen können", zeigt sich der Katastrophenfilm der 70er Jahre in erster Linie ganz im Sinne Kracauers als Projektion innerer Bedürfnisse. Es geht um das Verlangen nach der Wiederherstellung der nationalen Identität, einer durch und durch moralischen Größe, die nach dem bis dato bedeutendsten Polit-Skandal in den USA ins Wanken geriet.

Bedenken bezüglich der Chronologie sind zügig ausgeräumt: Am 9.8.1974 wurde Richard Nixon seines Amtes enthoben. Im selben Jahr drehte Hollywood bereits die beiden ersten extrem moralisch ausgerichteten und erfolgreichsten "Disaster Movies", die im Dezember 1974 im Kino starteten und eine Welle weiterer Filme einleitete. Die Geschehnisse, die zum Skandal der ersten Amtsenthebung eines US-Präsidenten führten, begannen allerdings bereits 1972 mit dem Einbruch in das Wahlhauptquartier der Demokraten. Die ermittelten Täter wurden im März 1973 vor Gericht zu ihren Auftraggebern verhört, zu einer Zeit, als die Journalisten Carl Bernstein und Robert Woodward, die den Skandal später aufdeckten, längst ihre Recherche begonnen hatten und das Ausmaß der personellen Verwicklungen bereits zu erahnen war. Dass die Filmindustrie Hollywoods im Vergleich zu den Produktionsverhältnissen in Europa eine äußerst schnelle Reaktionszeit auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen vorweist, zeigt sich in zahllosen Beispielen -- so auch im Fall "Watergate" selbst: Bereits 1976 kam ALL THE PRESIDENT’S MEN ins Kino, Alan J. Pekulas bewusste filmische Aufarbeitung des Skandals. Diese Tatsache darf denn auch getrost als Beweis dafür angeführt werden, dass die Phase der 70er Jahre Katastrophenfilme mangels Zulaufs schnell wieder einbrach. Wo die Kollektivdispositionen offen diskutiert werden, sinkt das unbewusste Verlangen nach ihrer verklausulierten Visualisierung.



Allmachtsphantasien

In den Rekord verdächtig besuchten Filmen, die massiv an die Pflege von Werten und einem gesunden Sozialverhalten appellieren, zeigt sich ein Massenbedürfnis nach Reinwaschung der befleckten nationalen Tugendhaftigkeit. Mit der Etablierung des neuen Präsidenten Gerald Ford und kurze Zeit später Jimmy Carter und im Zuge der so fortschreitenden Aufarbeitung des Skandals, legte sich die spontane Hysterie um Watergate und mit ihr das Verlangen nach Filmen des immer gleichen Desaster-Musters.

Doch bereits 1977 avancierte zum Richtung weisenden Jahr, als George Lucas mit STAR WARS nicht nur ein neues filmtechnisches Zeitalter einläutete, sondern die Einleitung auf fiktionaler Ebene für das Prestigeobjekt des späteren Präsidenten Ronald Reagan (das strategische Abwehrsystem SDI) und auf psychoanalytischer Ebene für das Expansionsbestreben (oder zumindest doch eine nach außen hin signalisierte neue Stärke) Amerikas lieferte. Unter der Ära Ronald Reagans zwischen 1981 und 1989 war ein geradezu als Jammertal anmutendes, lamentierendes Genre wie der Katastrophenfilm schwerlich denkbar -- und in der Tat weisen die 80er Jahre kaum einen solchen Film auf, schon gar keinen, der im Kracauer’schen Sinne als populär zu bezeichnen wäre. Die Präsidentschaft Reagans, die mit konzentrierter Demonstration von Stärke und Selbstvertrauen nach außen einherging, wird in der Filmgeschichtsschreibung als Geburtsstunde von unschlagbaren und unverwundbaren Helden verzeichnet werden, wie sie Arnold Schwarzenegger oder Sylvester Stallone geprägt haben.

Die weltweit so erfolgreiche Renaissance des Katastrophenfilms in den 90er Jahren ist einerseits natürlich stark mit den apokalyptischen Assoziationen des ausgehenden Millenniums verbunden, zeigt andererseits aber auch ein gewisses Verlangen in einer komplexen, technologisierten Gesellschaft nach reduzierteren, simpleren Strukturen.

Was der 11. September 2001, die daraus resultierten Kriege und die "Pax Americana" mit integrierter Gut/Böse-Moral einer anthropologischen Filmgeschichtsschreibung des Hollywoodfilms bringen wird, das wird sich zeigen. Denn "auf lange Sicht", um mit Kracauer grundlegend zu schließen, "bestimmen die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Hollywood-Filme."

 

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© Copyright Oliver Baumgarten 2004. No part of this article may be reprinted without permission of the author.
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